Traditionelles Brauchtum - Die magische Kraft der Karfreitagseier

Donnerstag 17. März 2016 Rüdiger’s Talgeschichten


Traditionelle Osterbräuche aus dem Kleinwalsertal

Das Osterfest steht vor der Tür und mit ihm ein Fest, das auf der ganzen Welt verschiedenste Bräuche und Rituale hervorgebracht hat. So auch bei uns. Haben Sie schon mal von den Kräften der Karfreitagseier gehört? Nein? Dann lade ich Sie ein, weiterzulesen.

Im Kleinwalsertal haben sich rund um Ostern traditionell verschiedene Bräuche und Rituale entwickelt. Was für manche Menschen eher in den Bereich Aberglaube und „Hokuspokus“ fällt, ist für viele sehr wichtig und wird auch heute noch innbrünstig und sorgfältig zelebriert – so auch von mir.

Bereits seit vielen Jahrzehnten kehre ich an Karfreitag vor 10:00 Uhr mit dem Besen rund um das Haus. Dabei achte ich darauf, immer vom Haus aus nach außen wegzukehren. Dieser Brauch soll das Haus das ganze Jahr über vor Ungeziefer schützen. Und auch ein weiterer Brauch wird in unserer Familie hoch gehalten: Die Ostereier werden bei uns erst ab Palmsonntag gegessen. Der Überlieferung nach bringt es Unglück, die Eier bereits vor Palmsonntag zu verzehren.

Von Christines Mutter weiß ich beispielsweise auch, dass die Männer damals nach dem Besuch der Kirche am Karfreitag traditionell ein Stamperl Schnaps tranken. Dieses Ritual sollte dafür sorgen, dass die Sense beim Heumachen besser schneidet. Auch Kuchldirn, ein alter Begriff für Küchenmagd und die Saudirn, die sich um die Tiere kümmerte, tranken nach der Kirche einen – jedoch weniger starken – Schnaps, damit das von den Männern geschnittene und in Wulsten auf den Feldern liegende Heu von den Frauen besser zum Trocknen ausgestreut werden konnte.

Der Glaube rund um die Karfreitagseier

Noch viel mysteriöser und spannender jedoch empfand ich schon als Kind jedes Jahr den Zauber rund um die Karfreitagseier. In unserer Familie war der Glaube an die magischen Kräfte der Karfreitagseier weit verbreitet und Grund für verschiede Rituale während der Osterzeit. Hühnereiern, die an Gründonnerstag oder an Karfreitag gelegt werden, werden verschiedene magische Kräfte nachgesagt. Zum einen faulen diese Eier nicht, sondern trocknen lediglich von innen aus. Zum anderen brechen diese Eier bei normaler Verwendung nicht und sind oft nur mit einem Hammer zu öffnen.

Ich, so wie viele meiner Bekannte, nutzen die Karfreitagseier, um abrutschgefährdete Hänge zu sichern, indem man einige von ihnen im oberen Bereich dieser Hänge eingräbt. Bisher ist jedenfalls keiner dieser Hänge abgerutscht.

Das Brauchtum rund um die Karfreitagseier ist freilich nicht nur im Kleinwalsertal anzutreffen, jedoch war er hier früher sehr verbreitet. Von befreundeten Familien weiß ich, dass die Karfreitagseier auch bei bettlägerigen Menschen unter die Matratze gelegt wurden, um das Wundlegen zu verhindern sowie an allen vier Ecken des Hauses und des Stalls vergraben wurden, um das Heim vor Feuer und Wasser zu schützen und für Frieden für Mensch und Tier zu sorgen. Viele vergruben die Eier auch auf Wiesen und Äckern, um Missernten vorzubeugen und sogar die Tiere wurden mit Karfreitagseiern gefüttert, um sie vor Krankheiten zu bewahren.

Jedem ist freilich selbst überlassen, ob er an solche Mythen glaubt oder nicht. Ich persönlich finde diesen Brauch sehr schön und glaube auch daran. Schließlich habe ich selbst erlebt, dass diese Eier nicht mit normalen Eiern vergleichbar sind.

Ich wünsche Ihnen ein frohes Osterfest!

Ihr Rüdiger 

Rüdiger's Talgeschichten

Grüaß aib! Das Kleinwalsertal hat viel zu bieten und eine lange, bewegte Geschichte. Als Ur-Walser werde ich Ihnen hier immer wieder saisonale Geheimtipps für Aktivitäten und Sehenswertes an die Hand geben. Auch über die Walser Geschichte und Traditionen werden Sie hier allerhand erfahren.


Ihr Rüdiger Keck