Wie funktioniert eigentlich die Alpwirtschaft?

Montag 10. April 2017 Rüdiger’s Talgeschichten


Christine Keck zur Funktionsweise der Alpwirtschaft in Bergregionen wie dem Kleinwalsertal

Kommt auch Ihnen beim Gedanken an Sommer in den Bergen als erstes das typische Bild von Kühen, die auf Bergwiesen grasen, in den Sinn? Doch was machen die Tiere im Winter und wie funktioniert das Prinzip Alpwirtschaft überhaupt? Im meinem heutigen Beitrag möchte ich Ihnen die Almwirtschaft und ihre Bedeutung für besonders hochwertige Lebensmittel näher bringen.

Nur wenige Menschen wissen, wie die Almwirtschaft auch Alpwirtschaft genannt wirklich funktioniert und was der Jahreszyklus für diese Bewirtschaftungsform bedeutet. Die Alpwirtschaft stellt die Landwirte seit jeher vor besondere Herausforderungen und ist mit der Landwirtschaft im Flachland kaum zu vergleichen.

Im gesamten Alpenraum ist die Almwirtschaft eine uralte und noch heute wichtige Form der Viehwirtschaft, die große Teile der Bergregionen prägt und dem Rhythmus der Natur in besonderer Weise ausgesetzt ist. Jedes Jahr im Frühsommer, meist zu Pfingsten, werden die Kühe auf die satt grünen Bergwiesen auf die Almen getrieben. Dort genießen sie ihren “Sommerurlaub”. Die Hirten führen die Herden zunächst auf die untersten Wiesen. Sind diese abgefressen, geht es Stück für Stück weiter bergauf. Im Hochsommer, wenn die höchsten Bergwiesen erreicht und abgefressen sind, geht es Alm für Alm wieder zurück in Richtung Tal. Zwischen Mitte September und Mitte Oktober, wenn das Graswachstum nachlässt und sich die ersten Wintereinbrüche in den Hochlagen ankündigen, endet der Almsommer und das Vieh wird wieder ins Tal getrieben, um dort in den Stallungen der Bauernhöfe zu überwintern. Dieser Vorgang wird Almabtrieb oder Viehscheid genannt und meist mit großen Festen gefeiert.

Doch warum dieser ganze Aufwand?

Die Almwirtschaft hat für die Landwirte viele Vorteile. Ein wichtiger Grund für die Bewirtschaftung der Alpen ist der, dass auf den oftmals begrenzten Flächen im Tal Heu zur Fütterung der Tiere im Winter eingebracht werden muss. Würde das Vieh den ganzen Sommer über im Tal bleiben, könnten die Landwirte nicht genügend Heu für den Winter zusammentragen. Daher wird das Vieh während der Sommerzeit auf die Alpen getrieben. In zunehmender Höhe wachsen zudem mehr Bergkräuter, die nicht nur enorm nahrhaft für das Vieh sind, sondern auch eine außergewöhnliche Qualität der Milch und des Fleisches ergeben. Der überwiegende Teil der Nordalpen wäre ohne die Almwirtschaft bis auf etwa 1.500 Meter durchgehend bewaldet. Das Weidevieh hält die Almflächen waldfrei und fördert damit Pflanzengesellschaften, die ansonsten nur auf Sonderstandorten wie Felsköpfen oder in Lawinenstrichen vorkommen. Zudem sorgt das Vieh durch sein Gewicht und die Klauen für eine Verdichtung des Bodens sowie für eine Terrassenbildung, was Murenabgängen und Gerölllawinen vorbeugt. Zusätzlich sorgt die Zeit auf den steilen Hängen, verbunden mit Abhärtung durch Wind und Wetter, für eine gute Gesundheit der Tiere und starke Muskeln.

In den Monaten, in denen das Vieh auf den oberen Almen grast, wird auf den Wiesen in Tallage sowie auf den mittleren Höhen das Almerheu geschnitten. Die Arbeit der Bergbauern unterscheidet sich heutzutage kaum vor der Art und Weise, wie sie bereits vor Jahrhunderten betrieben wurde, denn Maschinen können hier allein schon aufgrund der steilen Hanglage nicht eingesetzt werden. Häufig wird das Heu noch wie in alten Zeiten in Heuhütten gelagert und nach Bedarf dann im Winter als besonders wertvolles Zusatzfutter damals mittels Hörnerschlitten und heute meist mit Traktoren ins Tal zu den Höfen transportiert.

Die ältesten Belege für die Existenz der Almwirtschaft stammen aus der Bronzezeit um 1700 bis 900 v. Chr. Heute gibt es in ganz Österreich etwa 12.000 bewirtschaftete Almen, auf denen von rund 70.000 Almbauern ca. 500.000 Stück Almvieh gehalten werden.

Auf den Alpen wird sowohl Vieh zur Fleisch-, als auch zur Milchproduktion gehalten. Neben Rindvieh finden sich auf den Alpen in vielen Regionen – wie beispielsweise bei uns im Kleinwalsertal – auch Schafe und Bergziegen. Während dem Almsommer werden die Tiere auf den Almhütten gemolken und die wertvolle Milch direkt vor Ort verarbeitet. Neben dem bekannten Bergkäse und weiteren Käsesorten aus Kuhmilch wie Almkäse oder Heumilchkäse wird auf den Alpen oftmals auch Schafs- und Ziegenkäse hergestellt. Wurst und Fleisch finden selbstverständlich auch den Weg von den Almen ins Tal und damit in den Handel.

Sowohl die Milch, der aus ihr hergestellte Käse aber auch das Fleisch der auf den Alpen gehaltenen Tiere haben häufig eine besonders hohe Qualität, denn die Tiere ernähren sich hier meist gänzlich natürlich von saftigem Gras sowie von frischen Bergkräutern.

Alpabtrieb und Viehscheid 

Aufgrund der extremen Wetterverhältnisse auf den Alpen durch Schnee und Kälte im Winter sowie der damit verbundenen Nahrungsknappheit können die Tiere nicht das gesamte Jahr über auf den Alpen bleiben, sondern müssen den Winter in den Stallungen im Tal verbringen.

Hierfür werden die Tiere im Herbst – meist zwischen Mitte September und Mitte Oktober – nach einer etwa 100-tägigen „Alpsömmerung – von den Alpen ins Tal getrieben. Dieser Vorgang wird als Alpabtrieb bezeichnet. Gab es im Alpsommer keine gröberen Unfälle bei Mensch oder Tier, wird die Herde beim Almabtrieb von einem Kranzrind angeführt. Dieses Tier trägt einen großen Kranz auf dem Kopf, der meist aus Alpenrosen, Latschenkiefer, Tannenzweigen, Gräsern, Blumen oder Silberdisteln gefertigt ist. Alle Kühe tragen Glocken, sogenannte Zugschellen, die der Abwehr von bösen Geistern dienen und dafür sorgen, dass sich das Vieh schneller bewegt und nicht dauernd zum Grasen innehält.

Der Tag des „Heimziehens“ von der Alpe ist damals wie heute der Abschluss des Älplerlebens. 

Viele Alpen werden als Gemeinschaftsalpen geführt, was bedeutet, dass hier die Tiere mehrerer Besitzer auf einer Alp gehalten werden. Die Tiere, die von diesen Gemeinschaftsalpen kommen, werden nach dem Alpabtrieb beim sogenannten „Viehscheid“ ihren Besitzern zurückgeführt. In den Stallungen überwintern die Tiere bis in den Frühsommer. Etwa Mitte Juni werden die Tiere dann wieder auf die Alpen getrieben. Der Auftrieb wird jedoch nicht speziell gefeiert.

Im Rahmen der Walser Stammgästewoche vom 15. bis zum 20. Oktober haben Sie neben vielen weiteren Erlebnissen rund um die Walser Traditionen und Geschichte die Möglichkeit, Walser Sennmeister zu treffen und mehr über die Käseerzeugung auf der Alp zu erfahren. Einen Überblick zum Programm der Walser Stammgäste-Woche finden Sie hier.

Sie waren bereits mehrmals Gast im Hörnlepass? Dann möchten wir uns mit der exklusiv für unsere verehrten Stammgäste entwickelten Pauschale zur Walser Stammgäste-Woche für Ihre Treue bedanken. Je öfter Sie bereits Gast im Hörnlepass waren, desto mehr beteiligen wir uns an Ihrem Aufenthalt, indem Sie pro Aufenthalt ein Prozent Ermäßigung auf den Paketpreis erhalten. Alle Details zur Urlaubspauschale Walser Stammgäste-Woche finden Sie hier.

Für Fragen zur Alpwirtschaft stehe ich Ihnen immer gerne zur Verfügung.

Ihr Rüdiger Keck

Bild: Kleinwalsertal Tourismus eGen | www.kleinwalsertal.com

 

Rüdiger's Talgeschichten

Grüaß aib! Das Kleinwalsertal hat viel zu bieten und eine lange, bewegte Geschichte. Als Ur-Walser werde ich Ihnen hier immer wieder saisonale Geheimtipps für Aktivitäten und Sehenswertes an die Hand geben. Auch über die Walser Geschichte und Traditionen werden Sie hier allerhand erfahren.


Ihr Rüdiger Keck